Personeller Umbruch geplant

Experten kritisieren STIKO-Reform Lauterbachs

28.11.2023·Die Mitglieder der Ständigen Impfkommission (STIKO) sollen nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Lauterbach künftig nur noch für maximal drei Amtsperioden in das Gremium berufen werden können. Für die Mehrzahl der aktuellen STIKO-Mitglieder bedeutet dies das Ausscheiden aus dem Ehrenamt zum Ende der laufenden Amtsperiode. Ein transparenter personeller Übergang in die neue Amtszeit ab Februar 2024 sei dabei offenbar nicht geplant, so ein aktuelles STIKO-Mitglied. Dies werde sich auf künftige, laufende und während der Pandemie liegen gebliebenen Impfthemen negativ auswirken.

Insgesamt 12 der aktuell 17 ehrenamtlichen STIKO-Mitglieder sollen nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nicht für eine weitere Amtsperiode berufen werden können. Die Zahl der bisher unlimitierten Amtsperioden in der STIKO werde ab 2024 auf drei begrenzt, was einer maximalen Amtszeit von neun Jahren entspräche. Die Information zur entsprechenden Änderung der Geschäftsordnung hätten die Mitglieder im Vorfeld der letzten Sitzung des Gremiums im November erhalten, berichtet STIKO-Mitglied Dr. Martin Terhardt im "ÄrzteTag"-Podcast gegenüber der Ärztezeitung (vgl. "Links zum Thema"). Der Kinderarzt ist seit 2011 Mitglied der STIKO und wird damit voraussichtlich ebenfalls ausscheiden.

STIKO-Chef Mertens kündigte bereits Rückzug an

Der aktuelle Vorsitzende der STIKO, Professor Dr. Thomas Mertens, hatte seinen Rückzug - unabhängig von den Plänen des Bundesgesundheitsministers - bereits im Herbst 2022 angekündigt. Der emeritierte Virologe der Universität Ulm wurde der Öffentlichkeit als Corona-Experte während der Pandemie bekannt und steht der STIKO seit 2017 vor. Auch seine Nachfolge ist noch unklar. Gegenüber der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" bestätigte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) nach Information der ARD auf Nachfrage, dass die Neuberufung der STIKO aktuell vorbereitet werde. Die üblicherweise drei Jahre dauernde Amtsperiode wurde zuletzt in der Pandemie um ein Jahr bis Februar 2024 verlängert.

Angesiedelt ist die STIKO beim Robert Koch Institut (RKI) in Berlin. Auch hier stehen die Zeichen auf Umbruch. Durch die Errichtung des neuen Bundesinstituts für Prävention und Aufklärung in der Medizin (BIPAM) wird das RKI in seinen Aufgaben künftig auf die Abwehr von Infektionskrankheiten reduziert (vgl. "Links zum Thema"). Der ebenfalls im Zuge der Pandemie öffentlich bekannt gewordene Präsident des RKI, Prof. Dr. Lothar H. Wieler, hatte das RKI bereits Anfang 2023 in Richtung Hasso-Plattner-Institut verlassen (vgl. "Links zum Thema").

Gefahr von "Sand im Getriebe" der STIKO

Die STIKO gibt Impfempfehlungen ab und analysiert dafür auch das Nutzen-Risiko-Verhältnis für einzelne Bevölkerungsgruppen. Die Art und Weise, wie in Deutschland Impfempfehlungen entstehen, sei dabei international anerkannt, so STIKO-Mitglied Terhardt. Nun bestehe jedoch die Gefahr, dass Sand ins Getriebe der STIKO-Arbeit kommen könnte, da die neuen Mitglieder sich zunächst in die Methoden der STIKO einarbeiten müssten. Betroffen hiervon seien wichtige Themen, die in den vergangenen Jahren aufgrund der Pandemie "liegengeblieben" seien - zum Beispiel die Influenza-Impfung für gesunde Kinder, Meningokokken B, Meningokokken ACWY, der "sehr diffizile Komplex" RSV, Pneumokokken und Pertussis-Wiederholungsimpfungen für Erwachsene. Angebote, als Übergangslösung für einen Teil der ausscheidenden Mitglieder nochmals ein oder zwei Jahre zu verlängern, seien vom BMG bisher nicht angenommen worden, so Terhardt.

Im Podcast kritisiert der Pädiater zudem das Verfahren der Berufung ab 2024. Es sei "intransparent" und berge die Gefahr, dass sich auch die fachliche Zusammensetzung der STIKO negativ ändern könne. So sei die Kinderheilkunde "fast überhaupt nicht mehr vorgesehen".

Experten sprachen sich für Stärkung der STIKO aus

Erst im Februar 2023 hatten sich Gesundheitsexperten in einem Fachgespräch mit dem Gesundheitsausschuss des Bundestages für eine personelle und strukturelle Stärkung der STIKO ausgesprochen (vgl. "Links zum Thema"). Angesichts der Pandemie begründeten die Experten dies mit vielen neuen zu erwartenden Impfstoffen sowie der nötigen Information der Bevölkerung insbesondere in Krisenlagen. Laut Mertens habe sich während der Pandemie gezeigt, dass die Kommunikation teils ein größeres Problem sei als die Bearbeitung der Themen. Mertens betonte, Impfstoffe würden immer komplexer und erforderten komplexere Empfehlungen. Vor dem Gesundheitsausschuss sprach sich der STIKO-Chef dafür aus, ausreichend Ressourcen zu schaffen. Die nun bekannt gewordenen Pläne Lauterbachs stellt er vor diesem Hintergrund in Frage: "Es wäre eine Überlegung wert, ob so ein abrupter Wechsel im Sinne der STIKO das Beste ist", sagte Mertens der Deutschen Presse-Agentur.

Der Mediziner Leif Erik Sander von der Berliner Charité sagte dem Ausschuss, die evidenzbasierten Empfehlungen der STIKO seien für die Bevölkerung und die impfenden Ärzte zentral. Die STIKO genieße wegen ihrer Unabhängigkeit großes Vertrauen in der Bevölkerung und der Ärzteschaft. Auch Sander sprach sich für eine personelle und strukturelle Stärkung der STIKO aus, da in der Zukunft häufiger mit epidemischen und pandemischen Ausbrüchen zu rechnen sei.


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