Ausbreitung des Corona-Virus

Gesundheitswesen droht Überlastung: Akteure und Wissenschaftler fordern Sofortmaßnahmen von der Politik

15.11.2021·Krankenhausträger, Ärzteschaft, Pflegende, Medizinische Fachangestellte und Wissenschaftler anderer Disziplinen bewerten die aktuell vorgesehenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie als unzureichend. Sie fordern gemeinsam weitergehende Sofortmaßnahmen von Bund und Ländern.

Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland bei über 300 (Stand 15.11.2021: 303,0). Die Zunahme ist rasant: Am Vortag lag die Inzidenz bei 289,0 und vor einer Woche bei 201,1 (Vormonat: 68,7). Bereits am vergangenen Donnerstag (11.11.2021) haben auch die Neuinfektionen binnen 24 Stunden mit 50.196 den bisherigen Höchstwert seit Beginn der Pandemie erreicht. Mehrere Ärztevertreter und Wissenschaftler geben der Politik eine Mitschuld an dieser Entwicklung. Dem Gesundheitswesen drohe nun absehbar die Überlastung.

Kliniken, Ärzte, Pflegende und Medizinische Fachangestellte sehen deshalb sofortigen Handlungsbedarf. Dringend erforderlich seien insbesondere:

Für den Zugang zu Angeboten des Öffentlichen Lebens sind bundesweit und einheitlich 2-G-Regelungen (geimpft oder genesen) als zwingende Zutrittsvoraussetzungen zu etablieren und wirksam zu kontrollieren.
Für Aktivitäten mit besonders hohem Infektionsrisiko, vor allem in Regionen mit hohen Infektionsraten, sollten Antigen-Schnelltests zusätzlich zur 2-G-Regelung (2-G+) obligatorisch werden.
Das Vorhaben der Bundesregierung, eine allgemeine und für die Arbeitgeber durchsetzbare 3-G-Regel am Arbeitsplatz einzuführen, wird ausdrücklich unterstützt.
Offene Diskussion einer berufsbezogenen Impfpflicht. Hierzu heißt es in einer gemeinsamen Erklärung: "Wir begrüßen die aktuelle Stellungnahme des Deutschen Ethikrates, in der er die Bundesregierung auffordert, kurzfristig die Einführung einer berufsbezogenen Impfpflicht zum Schutz besonders vulnerabler Menschen in Einrichtungen des Gesundheitswesens zu prüfen. Eine offene, transparente und abwägende Diskussion dieser komplexen Fragestellung trägt mit dazu bei, eine Entscheidung für oder gegen eine Impfpflicht gut zu begründen und Akzeptanz zu schaffen. Sollte die Politik auf Basis dieser Stellungnahme des Ethikrates eine Impfpflicht für bestimmte Einrichtungen und Berufsgruppen einführen, werden wir dies unterstützen und uns an der Umsetzung beteiligen."

Appell an Bürger, sich impfen zu lassen

Gemeinsam appellieren die Gesundheitsakteure dringend an alle Bürger, sich impfen zu lassen. Mit einer Impfung schütze man nicht nur sich selbst und seine Kontaktpersonen, man trage aktiv dazu bei, die in immer mehr Regionen drohende Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden. Dabei könne eine Impfung nicht jede Infektion vermeiden, aber das Risiko selbst schwer zu erkranken und andere anzustecken werde durch die Impfung drastisch reduziert. Das zeige die aktuelle Situation auf den Intensivstationen deutlich, auf denen mit großer Mehrzahl ungeimpfte Patienten versorgt werden müssten.

Ärzte und Wissenschaftler kritisieren politisches Versagen

Für mehrere Ärztevertreter ist die Corona-Pandemie in Deutschland bereits außer Kontrolle geraten. Dabei habe es an Warnungen und Vorhersehbarkeit nicht gemangelt. Die verantwortlichen Politiker hätten jedoch "in Worten und Handeln an vielen Stellen versagt", sagte Frank Ulrich Montgomery, Chef des Weltärztebundes, der Rheinischen Post. Wer sich "apodiktisch" gegen eine Impfpflicht und gegen Lockdowns ausspreche, der habe die Epidemiologie des Virus nicht verstanden und spiele ihm in die Hände, so Montgomery. Ähnlich deutlich kritisiert der Marburger Bund (MB) die politisch Verantwortlichen. In der RP sagte Verbandschefin Susanne Johna: "Zu spät, zu halbherzig, zu unterschiedlich waren die Maßnahmen gegen das tödliche Virus. Zur Kakophonie der Ministerpräsidenten gesellte sich das parteipolitische Freiheitsgesäusel, das einen völlig falschen Freiheitsbegriff versprach."

Zuletzt hatten sich 35 führende Mediziner und Wissenschaftler anderer Disziplinen in einem dramatischen Appell an die Regierungen von Bund und Ländern gewandt und ein Umsteuern in der Pandemiebekämpfung gefordert. Statt mit "passivem Abwarten" die Verantwortung für ein Brechen der vierten Welle zunehmend "ins Private" und "in den Ermessensspielraum jedes einzelnen Menschen zu verlagern", müsse die Politik endlich "ihrer Verantwortung umfassend gerecht werden". Für eine effektive und sachlich fundierte Pandemiebekämpfung sprechen sich die Forscher für einen nationalen Krisenstab aus, in dem Fachleute aus Virologie, Medizin und dem Bereich Öffentliche Gesundheit, aber auch Praktiker mit Leitungs- und Management-Erfahrung - etwa in Kliniken oder in erfolgreichen Unternehmen - sitzen sollten (vgl. Links zum Thema").


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