GKV-Finanzergebnis für das 1. Quartal 2022

Trotz Milliardenzuschuss: Krankenkassen liegen weiterhin im Minus

28.06.2022·Die gesetzlichen Krankenkassen verfügen weiterhin über deutlich weniger Beitragseinnahmen, als zur Deckung ihrer Ausgaben nötig wäre. Dies geht aus den vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) am Freitag vorgestellten Finanzdaten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für das 1. Quartal 2022 hervor. Trotz des für 2022 einmalig gezahlten ergänzenden Bundeszuschuss von 14 Milliarden Euro und des regulären Bundeszuschusses von 14,5 Milliarden Euro liegen die Kassen zum 31.03.2022 achtstellig im Minus.

Mit 71,7 Milliarden Euro lagen die Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen von Januar bis März 2022 rund 16 Millionen Euro unter den Ausgaben für Leistungen und Verwaltungskosten. Die Ausgaben verzeichneten bei einem Anstieg der Versichertenzahlen von 0,05 Prozent einen Zuwachs von 6,3 Prozent. Dass das Defizit relativ gering ausfällt, liegt laut BMG wesentlich an den Bundeszuschüssen aus Steuergeldern. Zusammen betragen diese für das laufende Jahr 28,5 Milliarden Euro. Mit den aus Steuergeldern gezahlten Bundeszuschüssen erstattet der Staat der GKV die an sie übertragenen versicherungsfremden bzw. gesamtgesellschaftlichen Aufgaben und Leistungen.

Erneut abgeschmolzen wurden bis 31.03.2022 auch die Finanzreserven der Krankenkassen. Zum Stichtag betrugen sie noch 9,9 Milliarden Euro bzw. 0,4 Monatsausgaben und damit rund 3,7 Milliarden Euro weniger als noch vor sechs Monaten. Der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitragssatz lag bereits zum Quartalsende mit 1,36 Prozent oberhalb des Ende Oktober 2021 für das Jahr 2022 bekannt gegebenen durchschnittlichen Zusatzbeitragssatzes von 1,3 Prozent.

Finanzentwicklung nach Krankenkassenarten

Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) erzielten einen Überschuss von 81 Millionen Euro, die Innungskrankenkassen (IKK) von 64 Millionen Euro und die Knappschaft von 17 Millionen Euro. Die Ersatzkassen (-199 Millionen Euro) und Betriebskrankenkassen BKK (-8 Millionen Euro) erzielten hingegen Defizite. Die nicht am Risikostrukturausgleich (RSA) teilnehmende Landwirtschaftliche Krankenkasse verbuchte einen Überschuss von 29 Millionen Euro.

Ergebnis des Gesundheitsfonds

Der Gesundheitsfonds verzeichnete im 1. Quartal 2022 ein Defizit von 2,2 Milliarden Euro. Seine Liquiditätsreserve betrug zum Stichtag 17.01.2022 rund 7,9 Milliarden Euro. Aufgrund gesetzlich geregelter Sonderzahlungen wird sie im Jahresverlauf um 2,1 Milliarden Euro sinken. Die Beitragseinnahmen (ohne Zusatzbeiträge) stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,0 Prozent. Zur Bewältigung der Corona-Pandemie trägt der Bund einen Großteil der Ausgaben für pandemiebedingte Zahlungsverfahren, die aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds vorfinanziert werden. Hierunter fallen unter anderem Ausgleichszahlungen für Krankenhäuser, Aufwendungen für Corona-Tests und für Impfungen gegen COVID-19. Insgesamt wurden rund 9,6 Milliarden Euro aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds zur Verfügung gestellt und vom Bund refinanziert.

Entwicklungen bei den Ausgaben

Die Krankenkassen verzeichneten im 1. Quartal 2022 einen Zuwachs für Leistungsausgaben und Verwaltungskosten von 6,3 Prozent. Die Leistungsausgaben stiegen dabei um 5,7 Prozent, die Verwaltungskosten um 18,5 Prozent. Zu berücksichtigen ist, dass die Rate bei den Leistungsausgaben auf einer Corona-bedingt niedrigen Basis des Vorjahresquartals aufsetzt und daher mit Blick auf die Entwicklung im weiteren Jahresverlauf laut BMG mit Vorsicht zu interpretieren ist. Der sehr deutliche Anstieg der Verwaltungskosten sei maßgeblich auf die Bildung von hohen Altersrückstellungen einer einzelnen Krankenkasse im ersten Quartal zurückzuführen und dürfte sich im weiteren Jahresverlauf deutlich abflachen.

Entwicklung einzelner Leistungsarten

Überproportional stark gestiegen sind die Ausgaben im Bereich der Heilmittel (21,6 Prozent) sowie bei Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen (16,7 Prozent). Bei den Heilmitteln wirken neben Vergütungsanpassungen zum Beginn dieses Jahres auch weiterhin die hohen unterjährigen Preisabschlüsse des Vorjahres. Zudem sei nach Einschätzung des BMG auch eine Normalisierung der Leistungsmengen für die Dynamik verantwortlich. Im Bereich der Rehabilitation und Vorsorge ist die Entwicklung im starken Corona-bedingten Einbruch des Vorjahresquartals begründet.

Die Arzneimittel wachsen mit 6,5 Prozent weiterhin überproportional stark und weisen im Vergleich mit den zwei anderen großen Ausgabenbereichen der GKV (Krankenhaus und Ärzte) die höchste Dynamik auf.

Die Ausgaben für ambulant-ärztliche Behandlungen sind im 1. Quartal um 2,7 Prozent gestiegen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass gesetzliche Korrekturmaßnahmen derzeit ausgabendämpfend wirken, um ungewollte Doppelfinanzierungen für besondere ärztliche Leistungen nach dem Terminservice- und Versorgungsgesetz zu korrigieren.

Die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen sind um 4,3 Prozent gestiegen. Vor dem Hintergrund der Pandemie-bedingt sehr niedrigen Basis des Vorjahresquartals fällt dieser Anstieg moderat aus. Zusätzlich unterstützte der Bund die Krankenhäuser weiterhin mit Steuermitteln für freigehaltene Betten im ersten Quartal 2022 in Höhe von 3 Milliarden Euro und mit Versorgungsaufschlägen für die stationäre Behandlung von Corona-Patienten in Höhe von 870 Millionen Euro. Weiter an Bedeutung gewinnen die Ausgaben für Pflegepersonalkosten, die 2020 aus den DRG-Pauschalen ausgegliedert wurden. Diese Ausgaben wuchsen im 1. Quartal um 11 Prozent, nachdem die Krankenkassen bereits im Jahr 2021 14 Prozent höhere Ausgaben für Pflegepersonalkosten als noch 2020 verbuchten.

Die Krankengeldausgaben stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,7 Prozent. Besonders dynamisch entwickelten sich dabei die Aufwendungen für Kinderkrankengeld (+12,9 Prozent). Dies zeigt, dass die Erweiterung des Anspruchs auf Kinderkrankengeld für Eltern, die ihre Kinder pandemiebedingt zu Hause betreuen müssen, angenommen wird und einen Beitrag zur Unterstützung von Familien während der Pandemie leistet.

Bei der Interpretation der Daten des 1. Quartals ist grundsätzlich zu berücksichtigen, dass die Ausgaben in vielen Leistungsbereichen, insbesondere bei Ärzten und Zahnärzten, von Schätzungen geprägt sind, da Abrechnungsdaten häufig noch nicht oder nur teilweise vorliegen.

Defizit für 2021 steigt auf 6,7 Milliarden Euro

Nach den endgültigen Jahresrechnungsergebnissen für 2021 erzielten die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr ein Defizit von 6,7 Milliarden Euro. Somit ist das Defizit der Krankenkassen rund 1 Milliarden Euro höher als in den vorläufigen Rechnungsergebnissen für 2021 ausgewiesen. Ursächlich sind insbesondere höhere Leistungsausgaben, vor allem für Pflegepersonalkosten im Krankenhaus.

Generell ist bei der Interpretation des Defizits der GKV in 2021 zu berücksichtigen, dass die Krankenkassen im vergangenen Jahr gesetzlich verpflichtet wurden, insgesamt 8 Milliarden Euro ihrer Finanzreserven an den Gesundheitsfonds abzuführen, um den durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz stabil zu halten und höhere Belastungen der Beitragszahlenden im Wahljahr 2021 zu verhindern.


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