Finanzentwicklung im 1. Halbjahr 2022

Defizit der Krankenkassen klettert auf knapp 300 Millionen Euro

09.09.2022·Trotz des zusätzlichen Bundeszuschusses in Höhe von 14 Milliarden Euro für 2022 überstiegen die Ausgaben der insgesamt 97 gesetzlichen Krankenkassen deren Einnahmen um 287 Millionen Euro. Das Defizit stieg damit alleine im 2. Quartal 2022 um den Faktor 16,9. Gleichzeitig schmolzen die Rücklagen um 300 Millionen Euro auf nunmehr 9,6 Milliarden Euro ab. Auffangen sollen diesen Trend insbesondere die Beitragszahler. Dies sieht das von der Regierung beschlossene GKV-Finanzstabilisierungsgesetz (GKV-FinStG) vor.

Den Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen in Höhe von 143,5 Milliarden Euro standen im 1. Halbjahr 2022 Ausgaben in Höhe von 143,8 Milliarden Euro gegenüber. Dies geht aus den Finanzdaten der GKV hervor, die das Bundesgesundheitsministerium (BMG) am 07.09.2022 in Berlin veröffentlicht hat. Die Ausgaben für Leistungen und Verwaltungskosten verzeichneten hiernach bei einem Anstieg der Versichertenzahlen von 0,1 Prozent einen Zuwachs von 5,4 Prozent. Der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitragssatz zum Quartalsende lag mit 1,36 Prozent oberhalb des Ende Oktober 2021 für das Jahr 2022 bekannt gegebenen durchschnittlichen Zusatzbeitragssatzes von 1,3 Prozent.

Erneut abgeschmolzen wurden bis 30.06.2022 die Finanzreserven der Krankenkassen. Ende Juni betrugen sie mit 9,6 Milliarden Euro rund 5,2 Milliarden Euro weniger als im Vorjahr. Die verbliebenen Rücklagen entsprechen nach Angaben des BMG rund 0,4 Monatsausgaben und damit dem Zweifachen der gesetzlich vorgesehenen Mindestreserve.

Finanzentwicklung nach Krankenkassenarten

Im Minus schlossen das 1. Halbjahr 2022 insbesondere die mitgliederstarken Kassenarten ab: Die Ersatzkassen mit -235 Millionen Euro, die Allgemeinen Ortskrankenkassen mit -98 Millionen Euro und die Betriebskrankenkassen mit -56 Millionen Euro. Die Knappschaft erzielte einen Überschuss von 37 Millionen Euro, die Innungskrankenkassen und die nicht am Risikostrukturausgleich teilnehmende Landwirtschaftliche Krankenkasse jeweils einen Überschuss von 32 Millionen Euro.

Ergebnis des Gesundheitsfonds

Der Gesundheitsfonds, der im Januar 2022 noch über eine Liquiditätsreserve von rund 7,9 Milliarden Euro verfügte, verzeichnete bis Juni 2022 ein Defizit von 2,1 Milliarden Euro. Das Ergebnis sei saisonüblich und lasse keinen Rückschluss auf die Entwicklung im weiteren Jahresverlauf zu, so das BMG. Die Ausgaben des Gesundheitsfonds fließen als monatlich konstante Zuweisungen an die Kassen, während die Einnahmen unterjährig schwanken und insbesondere im letzten Quartal aufgrund der Verbeitragung von Jahressonderzahlungen (z. B. Urlaubs- und Weihnachtsgeld) in der Regel höher ausfallen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen die Beitragseinnahmen (ohne Zusatzbeiträge) um 4,1 Prozent.

Entwicklungen bei den Ausgaben

Die Krankenkassen verzeichneten im ersten Halbjahr 2022 einen Zuwachs für Leistungsausgaben und Verwaltungskosten von 5,4 Prozent. Die Leistungsausgaben stiegen dabei um 5,2 Prozent, die Verwaltungskosten um 11,3 Prozent. Zu berücksichtigen sei dabei, dass die Rate bei den Leistungsausgaben auf einer Corona-bedingt niedrigen Basis aufsetze. Der deutliche Anstieg der Verwaltungskosten ist maßgeblich auf die Bildung von hohen Altersrückstellungen einer einzelnen Krankenkasse im ersten Quartal zurückzuführen. Das BMG geht von einer flacheren Entwicklung im weiteren Jahresverlauf aus.

Impfungen, Vorsorge, Reha und Heilmittel
Überproportional stark gestiegen sind die Ausgaben im Bereich der Schutzimpfungen (16,5 Prozent), bei Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen (15,9 Prozent) sowie im Bereich der Heilmittel (12,5 Prozent). Der Anstieg bei den Schutzimpfungen ist vorrangig auf die Gruppe der Herpes-Zoster-Impfstoffe (Impfungen gegen Gürtelrose) zurückzuführen. Die Kosten für Corona-Impfstoffe fallen nicht darunter; diese werden vom Bund und nicht von den Krankenkassen finanziert. Bei den Heilmitteln wirken neben Vergütungsanpassungen zum Beginn dieses Jahres auch weiterhin die hohen unterjährigen Preisabschlüsse des Vorjahres, die vor allem im ersten Halbjahr zur Dynamik der Ausgaben beitragen. Im Bereich der Rehabilitation und Vorsorge liegt die Entwicklung in den starken Corona-bedingten Einbrüchen des Jahres 2020 und des 1. Quartals 2021 begründet.

Arzneimittel, ambulante und stationäre Behandlung
Die Ausgaben für Arzneimittel wuchsen mit 6,7 Prozent weiterhin überproportional stark und weisen im Vergleich mit den zwei anderen großen Ausgabenbereichen der GKV (Krankenhaus und Ärzte) weiterhin die höchste Dynamik auf. Die Ausgaben für ambulant-ärztliche Behandlungen sind im 1. Halbjahr um 2,3 Prozent gestiegen. Hierbei sei zu berücksichtigen, dass gesetzliche Korrekturmaßnahmen derzeit ausgabendämpfend wirkten, um ungewollte Doppelfinanzierungen für besondere ärztliche Leistungen nach dem Terminservice- und Versorgungsgesetz zu korrigieren. Die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen sind um 4,0 Prozent gestiegen. Im Jahr 2020 wurden die Pflegepersonalkosten aus den DRG-Pauschalen ausgegliedert. Diese Ausgaben wuchsen im ersten Halbjahr um 10 Prozent, nachdem die Krankenkassen bereits im Jahr 2021 14 Prozent höhere Ausgaben für Pflegepersonalkosten als noch 2020 verbuchten.

Krankengeld
Die Krankengeldausgaben stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7,4 Prozent und entwickelten sich damit nach einer schwächeren Dynamik im Jahr 2021 wieder auf hohem Niveau fort. Auch die Aufwendungen für Kinderkrankengeld steigen weiterhin (2,2 Prozent).

Bei der Interpretation der Daten des 1. Halbjahres ist grundsätzlich zu berücksichtigen, dass die Ausgaben in vielen Leistungsbereichen, insbesondere bei Ärzten und Zahnärzten, von Schätzungen geprägt sind, da Abrechnungsdaten für den betrachteten Zeitraum häufig noch nicht oder nur teilweise vorliegen.

Kosten der Corona-Pandemie

Zur Bewältigung der Corona-Pandemie trägt der Bund weiterhin einen Großteil der Ausgaben für pandemiebedingte Zahlungsverfahren, die aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds vorfinanziert werden. Hierunter fallen unter anderem Aufwendungen für Corona-Testungen und für Impfungen gegen COVID-19 sowie Ausgleichszahlungen für Krankenhäuser. Insgesamt wurden laut BMG rund 16,8 Milliarden Euro aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds zur Verfügung gestellt und vom Bund refinanziert.

GKV-Finanzreform und Zusatzbeitragssatz für 2023

Für das Jahr 2022 konnte die Finanzsituation in der GKV durch die Zahlung eines ergänzenden Bundeszuschusses von 14 Milliarden Euro nahezu stabilisiert werden. Dieser Zuschuss entfällt jedoch im Jahr 2023 vollständig. Nach Einschätzung des BMG droht der GKV damit für das kommende Jahr ein Defizit von insgesamt rund 17 Milliarden Euro. Berechnungen des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG) weisen jedoch ein deutlich höheres Defizit aus. Das IfG geht von einem Fehlbetrag von insgesamt rund 25 Milliarden Euro aus (vgl. "Links zum Thema"), welcher auch durch die aktuell von der Bundesregierung geplante GKV-Finanzreform nicht aufgefangen würde.

Zu den Hauptmaßnahmen des am 27.07.2022 vom Bundeskabinett beschlossenen GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes (GKV-FinStG) zählen ein "ergänzender Bundeszuschuss" für 2023 in Höhe von 2 Milliarden Euro (2022: 14 Milliarden Euro) und ein Darlehen des Bundes in Höhe von 1 Milliarde Euro an den Gesundheitsfonds. Mit einem kassenübergreifenden Solidarausgleich werden zudem die Finanzreserven der Krankenkassen mit rund 4 Milliarden Euro sowie Mittel aus dem Gesundheitsfonds in Höhe von 2,4 Milliarden Euro zur Stabilisierung der Beitragssätze herangezogen. Krankenkassen, Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Pharmahersteller kritisieren den Entwurf als unzureichend und mit falschen Schwerpunkten versehen (vgl. "Links zum Thema").

Mitte Oktober 2022 wird der GKV-Schätzerkreis - unter Berücksichtigung des geplanten GKV-FinStG - die Ausgaben und Einnahmen der GKV für das laufende und das kommende Jahr auf Basis dann vorliegender aktuellster Erkenntnisse prognostizieren. Hierauf basierend gibt das BMG bis 01.11.2022 den durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz für das Jahr 2023 bekannt. Schon im Vorfeld hatte sich Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach (SPD) dahingehend geäußert, dass der Zusatzbeitragssatz wahrscheinlich um 0,3 Punkte auf 1,6 Prozent angehoben wird.


GKV-Newsletter
GKV-Newsletter - "einfach" informiert bleiben

Der kostenfreie Infoservice zur GKV und Gesundheitspolitik

Termine

Termine zu den Themen­bereichen Sozialver­sicherung, Krankenkassen und Karriere in der GKV:

Terminhinweise, Kalender
Weitere News

Beschluss des Koalitionsausschusses

Verdienstgrenze für Midijobs soll ab Januar 2023 auf 2.000,00 Euro steigen

Der Koalitionsausschuss hat die erneute Anhebung der Verdienstgrenze für Midijobs beschlossen. Nach der zum 01.10.2022 noch ausstehenden Anhebung der Grenze... mehr


Referentenentwurf vorgelegt

Sozialversicherungs-Rechengrößen für 2023

Nachdem im Vorjahr erstmals seit Jahren wichtige Rechenwerte in der Sozialversicherung unverändert geblieben sind, steigen diese zum Jahreswechsel 2022/23 teils... mehr


Regierung plant 1.000 Gesundheitskioske

Krankenkassen: Geplante Finanzierung zulasten der Beitragszahler nicht umsetzbar

Als niedrigschwelliges Beratungsangebot in sozialen Brennpunkten plant die Bundesregierung den Aufbau von bundesweit 1.000 Gesundheitskiosken. Entsprechende Eckpunkte für einen Gesetzesentwurf... mehr

mehr News ...