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Montag, 01.05.2017

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Elektronische Patientenakte

TK vereinbart Entwicklungspartnerschaft mit IBM Deutschland

01.03.2017·Die Techniker Krankenkasse (TK) hat mit IBM Deutschland eine auf mehrere Jahre angelegte Partnerschaft zur Entwicklung einer elektronischen Gesundheitsakte (eGA) vereinbart. Die eGA soll klassische medizinische Daten enthalten und Raum für weitere Informationen bieten, zum Beispiel aus Fitness-Trackern oder Diabetes-Tagebüchern. Anbieter der Akte wird später jedoch nicht die TK sein, sondern IBM. Dies hat Auswirkungen auf den Datenschutz, welchem aufgrund der sensiblen Gesundheitsinformationen eine besondere Rolle zukommen dürfte.

Bereits im Februar 2016 zeigte sich der TK-Vorstandschef Jens Baas in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung davon überzeugt, dass Big Data mit Macht auch ins deutsche Gesundheitswesen drängen werde. Hierbei, so der TK-Chef, müssten die Deutschen ihre Daten selbst in der Hand behalten. Das Feld dürfe nicht den US-Internetkonzernen überlassen werden, wie etwa bei den sozialen Netzwerken. Die bisherige deutsche Gesundheitskarten-Telematik gilt jedoch als ungeeignet für die geplante eGA, da bis dato sowohl der Zugriff als auch ein Mitwirken des Versicherten nicht vorgesehen sind. Die TK-Vereinbarung mit IBM resultiert auch vor diesem Hintergrund aus einer europaweiten Ausschreibung.

IBM nicht an Restriktionen der TK gebunden

Neben klassischen medizinischen Daten wie Medikation, Röntgenbilder oder Krankenhaus-Befunde soll die geplante eGA auch zusätzliche Informationen aus privater Fitness- oder Gesundheits-Hardware der Versicherten sowie persönliche Entscheidungen via Organspendeausweis und Patientenverfügung speichern können. Doch selbst wenn durch die gesetzlich Krankenversicherten eine für Big Data ausreichende Datenbasis zusammenkäme, bedürfte es noch gesetzlichen Änderungen, damit Krankenkassen entsprechende Daten erheben und personenbezogen speichern dürften. Hierauf hat schon 2016 die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff aufmerksam gemacht.

Im Zuge der Entwicklungspartnerschaft mit IBM bezeichnet sich die TK selbst als "dritte" Partei. Der Vertrag und damit die Bedingungen zur eGA würden direkt zwischen den Versicherten und IBM Deutschland vereinbart, so dass bestehende Restriktionen für gesetzliche Kassen nicht gelten. Der Versicherte soll dabei laut TK alleine "Herr seiner Daten" sein. Die TK werde die Nutzung der eGA als Satzungsleistung anbieten und die Kosten hierfür tragen.

Datenschutzkonzept aktuell noch offen

Datenschutz und Datensicherheit werden laut TK bei der Entwicklung der eGA wichtige Eckpfeiler sein, erklärte die Kasse gegenüber kkdirekt. Die Server werden demnach in Deutschland stehen und dem deutschen Datenschutzrecht unterliegen. Der Zugriff auf die Daten, z. B. durch die TK oder Ärzte, sei nur dann möglich, wenn der Versicherte diesem ausdrücklich zustimmt. Zum Schutz vor nicht autorisierten Zugriffen rückt insofern besonders auch die Frage nach einer Verschlüsselung der Daten auf den IBM-Servern in den Vordergrund. Unabhängig von einer rechtebasierten Zugriffssteuerung wären damit im Falle eines Datenlecks oder -angriffs keine lesbaren Daten zu erbeuten. Hierzu, wie auch zur Frage einer geplanten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Zugriffe oder einer optionalen Löschung der eGA durch den Versicherten hat die TK erklärt, zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Angaben machen zu können.

Nutzen und Risiken der geplanten Patientenakte

Bei der gewählten Konstellation dürfte für die TK im Vordergrund stehen, im Zuge eines größtmöglichen Datenpools mittels Big Data einen Wissensvorsprung zur Entwicklung effektiver Präventions- und Versorgungsmodelle und -maßnahmen zu erreichen und diesen im Wettbewerb einzusetzen. Bonusmodelle auf Grundlage der eGA-Daten lehnt die TK ab - dies hat Vorstandschef Baas bereits 2016 erklärt. Versicherte sollen durch die Auswertungsmöglichkeiten profitieren, indem zum Beispiel individuelle Risiken frühzeitig prognostiziert werden können.

Dennoch muss jeder einzelne Versicherte für sich entscheiden, ob er seine Daten zur Auswertung durch Dritte in gebündelter Form speichern möchte. Schon bisher werden Fitness-Tracker-Daten millionenfach auf Servern von Apple, Google, Microsoft, Garmin und Co. gespeichert. Über Plattformen wie "HealthKit" (Apple) und "Microsoft Health" werden diese zudem mit weiteren Daten kumuliert, ausgewertet und zum Teil über korrespondierende Dienste wie "ResearchKit" (Apple) anonymisiert an Dritte veräußert. Die Zusammenführung mit den Behandlungsdaten einer Krankenkasse wäre jedoch ein Novum. Es wird Aufgabe der TK sein, den hieraus resultierenden Zusatznutzen und die Vorteile für Versicherte herauszustellen. Hierbei wird auch eine Rolle spielen, ob der Benefit für IBM ausschließlich die Vergütung der eGA sein wird, oder ob der Konzern - ggf. über die Nutzungsbedingungen - einen direkten oder indirekten Zugriff auf die Daten erhält.
IBM Deutschland erhält "BigBrotherAward"
2016 erhielt die IBM Deutschland GmbH für ihre Software "Social Dashboard" den BigBrotherAward in der Kategorie "Arbeitswelt". "Social Dashboard" wertet nach Angaben des deutschen Award-Organisators Digitalcourage e.V. die Daten aus dem firmeneigenen sozialen Netzwerk "Connections" aus. Dabei werde jedem Teilnehmer eine Punktzahl für seine "soziale Reputation" zugewiesen. Analysiert würden dann die Kontakte mit anderen Mitarbeitern, wer wessen Nachrichten im firmenintern Netz liest und weiter empfiehlt und wer wie gut mit anderen Abteilungen oder Kollegen vernetzt ist. Ein Arbeitgeber könne hierdurch Einblicke erhalten, wer welchen sozialen Status unter seinen Kollegen hat.

Die BigBrotherAwards prämieren Datensünder in Wirtschaft und Politik und wurden deshalb von Le Monde "Oscars für Datenkraken" genannt. Die BigBrotherAwards sind ein internationales Projekt: In bisher 19 Ländern wurden fragwürdige Praktiken mit diesen Preisen ausgezeichnet.

IBM Deutschland ist Teil des US-amerikanischen IBM-Konzerns mit Sitz in Armonk im US-Bundesstaat New York.

Die Patientenakte bei einem Kassenwechsel

Ein weiteres Kriterium für Versicherte könnte sein, inwieweit sie tatsächlich - wie angekündigt - "Herr über ihre Daten" sein werden. Wird ein Versicherter zum Beispiel Teile seines Profils der Auswertung entziehen können, um diese nicht in ein bei Big Data grundsätzlich möglichen Gesundheits- oder Verhaltensscoring einfließen zu lassen? Oder wird er seine Daten vollständig löschen oder mitnehmen können, wenn er im Zuge eines Kassenwechsels die eGA der neuen Kasse nutzen möchte? Auch die Kosten der eGA könnten interessant werden, sofern der Versicherte trotz Kassenwechsel an der eGA von IBM festhalten möchte. Hierzu müsste die Datenzulieferung jedoch standarisiert sein, damit auch die neue Kasse entsprechend an IBM zuliefern kann.

Entwicklungskooperation ist erster Schritt

Dass es im jetzigen Projektstatus noch viele offene Fragen gebe, sei nach Ausunft der TK normal. Zunächst sei die Entwicklungskooperation mit IBM geschlossen worden, so Vorstandschef Baas. Bei den nächsten Schritten stellten insbesondere die Schnittstellen zu den Leistungserbringern eine Herausforderung dar. Neben der TK selbst sollen auch sie Daten für die eGA liefern. Denkbar seien perspektivisch dann auch Terminbuchungen oder Erinnerungen an Vorsorgeuntersuchungen. Derzeitig stünde jedoch die Entwicklung der zentralen Akte im Vordergrund.

 

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