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Wissenschaftliches Institut der AOK|09.06.2026

PRESSEMITTEILUNG

Heilmittel-Report 2026: Stetig steigende Kosten für Heilmitteltherapien, aber wenig Wissen über Versorgungsqualität

Berlin (kkdp)·Sammelband beleuchtet Ansätze zur Messung und Verbesserung der Qualität von Heilmittel-Therapien

Im Heilmittelbereich sind seit Jahren stetig steigende Ausgaben zu verzeichnen, während über die Qualität der Versorgung kaum Informationen vorliegen. Auch die 2024 neu eingeführte Blankoverordnung für bestimmte Diagnosen in der Ergo- und Physiotherapie hat bei diesen Indikationen zu einem starken Anstieg von Behandlungen und Ausgaben geführt, während der Nutzen für die Patientinnen und Patienten durch die neue Therapiefreiheit bisher noch unklar ist. Das macht der heute vorgestellte Heilmittel-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) deutlich. Er beleuchtet verschiedene Wege zur Messung und Verbesserung der Versorgungsqualität von der Akademisierung der Heilberufe über die Implementierung von Leitlinien bis zur Nutzung von Routinedaten der Krankenkassen für die Qualitätsmessung.

Laut Report haben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 knapp 13,3 Milliarden Euro für Heilmittel-Therapien ihrer Versicherten ausgegeben. Damit haben sich die Ausgaben innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt (2015: 6,1 Milliarden Euro). Ende 2025 lagen die GKV-Ausgaben bereits bei 14,7 Milliarden Euro. Sie sind damit im vergangenen Jahr erneut um 10,4 Prozent gestiegen. Ein Blick in die aktuelle Ausgaben-Statistik der AOK zeigt, dass sich dieser Trend mit einer Steigerungsrate von 8,7 Prozent im ersten Quartal 2026 fortsetzt. Der Bereich der Heilmittel hat damit auch im Vergleich zu anderen Leistungsbereichen eine besonders hohe Ausgabendynamik. Verantwortlich für die Ausgabensteigerungen ist unter anderem eine bundesweite Angleichung des Vergütungsniveaus für die Leistungserbringer im Jahr 2019 und die Entkopplung der Vergütung von der Entwicklung der Grundlohnsumme in den Folgejahren.

Zwei Drittel des Heilmittel-Umsatzes entfielen auf Physiotherapien

Mit 69,7 Prozent entfielen im Jahr 2024 laut Heilmittel-Report mehr als zwei Drittel des Heilmittel-Umsatzes der GKV auf Physiotherapien. Auch bei den abgerechneten Verordnungen hat die Physiotherapie mit 82,4 Prozent den höchsten Anteil. Sie ist vor allem für ältere Versicherte relevant, während bei den Kindern bis 14 Jahren vorrangig die Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie sowie Ergotherapie abgerechnet werden. "Zum Kostenanstieg im Heilmittelbereich beigetragen hat auch eine Ausweitung der Möglichkeit zu langfristigen Heilmitteltherapien", berichtet Helmut Schröder. So hat sich die Zahl der Verordnungen des sogenannten langfristigen Heilmittelbedarfs seit der Einführung 2017 bis zum Jahr 2025 fast verfünffacht - von 56 Verordnungen auf 249 Verordnungen je 1.000 bei der AOK versicherte Heilmittelpatientinnen und -patienten. Auch beim Besonderen Versorgungsbedarf für Menschen mit schwerwiegenden oder langfristigen Erkrankungen, die Heilmittel für einen in der Regel begrenzten Zeitraum sehr intensiv benötigen, gab es zwischen 2017 und 2025 einen Anstieg von 243 auf 704 Verordnungen je 1.000 AOK-versicherte Heilmittelpatientinnen und -patienten. Die Kosten für den langfristigen Heilmittelbedarf und den besonderen Versorgungbedarf haben sich im Jahr 2025 auf insgesamt 2,6 Milliarden Euro aufsummiert. Damit entfielen 50 Prozent der Heilmittelkosten der AOK auf diese Verordnungsformen.

Blankoverordnungen verursachen höhere Kosten bei noch unklarem Nutzen

Zuletzt sorgte die Einführung der Blankoverordnung im Jahr 2024 für einen Anstieg der Kosten bei bestimmten Indikationen. Sie kann für bestimmte Diagnosen im Bereich der Ergotherapie und für die Physiotherapie bei Erkrankungen im Bereich des Schultergelenks ausgestellt werden. Nach der ärztlichen Diagnose können die Therapeutinnen und Therapeuten dann eigenverantwortlich über das Heilmittel, die Behandlungsfrequenz und die Menge der Behandlungen entscheiden.

Für den Heilmittel-Report sind die aktuellen Daten zu den Blankoverordnungen im Bereich der Physiotherapie näher analysiert worden. Demnach machten die Blankoverordnungen im vergangenen Jahr zwar nur 2,4 Prozent aller Physiotherapie-Verordnungen mit einem Umsatzanteil von 4,5 Prozent aus. Im vierten Quartal 2025 ist aber bereits jede zweite Physiotherapie-Verordnung im Diagnosebereich der Schulterbeschwerden als Blankoverordnung ausgestellt worden. Diese Verordnungen kosteten im vierten Quartal 2025 durchschnittlich 714 Euro je Verordnung, während ärztliche Regelverordnungen im Schnitt nur mit 214 Euro zu Buche schlugen. "Das ist vor allem dadurch zu erklären, dass sowohl die Behandlungsdauer als auch die Frequenz der Behandlungen bei Blankoverordnungen höher lagen als bei den ärztlichen Regelverordnungen", erläutert Helmut Schröder, WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des Heilmittel-Reports.

Report zeigt Ansätze für Verbesserung der Versorgungsqualität

In insgesamt 23 Kapiteln beleuchtet der Heilmittel-Report schwerpunktmäßig Ansätze zur Messung und Verbesserung von Qualität im Heilmittelbereich. Ein wichtiger Faktor zur Verbesserung der Qualität ist laut den beteiligten Expertinnen und Experten die Qualität der Ausbildung. "In 82 Prozent der europäischen Länder ist als Mindestqualifikation für Therapeutinnen und Therapeuten ein Bachelor-Abschluss erforderlich, in 13 Prozent ein Masterabschluss", so WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder. Deutschland sei aktuell das einzige Land in Europa, in dem eine Berufsausbildung für Physiotherapeuten noch ausreicht. Die Zusammenarbeit zwischen fachschulisch und akademisch ausgebildeten Physiotherapeutinnen und -therapeuten mit einer Differenzierung innerhalb des Berufes und einer Aufteilung der Verantwortlichkeiten, wie sie in anderen Ländern Praxis ist, könne auch für Deutschland einen sinnvollen Weg darstellen, so Schröder.

Nutzung von Routinedaten der Krankenkassen zur Qualitätsmessung

Auch die bei den Krankenkassen ohnehin vorliegenden Abrechnungsdaten könnten zur Messung und Verbesserung der Versorgungsqualität im Heilmittelbereich genutzt werden, betonte WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder. Einen ersten Ansatz gebe es im Rahmen des Qualitätsindikatorensystems für die ambulante Versorgung (QISA) von AOK und dem Göttinger aQua-Institut. Hier werde der Anteil der Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Rückenschmerzen und mindestens vier Wochen Arbeitsunfähigkeit ausgewertet, bei denen entsprechend der Nationalen Versorgungsleitlinien Physiotherapie verschrieben werde. Dies sei laut der Auswertung nur bei knapp der Hälfte der betroffenen AOK-Versicherten der Fall. Die Ergebnisse würden den am Projekt beteiligten Arztpraxen zurückgespiegelt, um mehr Transparenz zu schaffen und die Versorgung zu verbessern. "Solche Routinedaten-Auswertungen könnten in Zukunft mehr Licht in die Qualität der Heilmittelversorgung bringen", so Helmut Schröder.

Pressekontakt:

WIdO - Wissenschaftliches Institut der AOK
Telefon +49 30 34646 - 2393
Fax +49 30 34646 - 2144
E-Mail presse@wido.bv.aok.de

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© 2000-2026 Redaktion kkdirekt; alle Rechte vorbehalten, alle Angaben ohne Gewähr.

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