Techniker Krankenkasse|29.05.2026
PRESSEMITTEILUNG
Neue Studie: Hausarztverträge steuern nicht besser - 160 Millionen Euro Mehrkosten
Hamburg/Berlin (kkdp)·29.05.2026
In der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) werden die Patientinnen und Patienten weder besser noch preiswerter durch das Gesundheitssystem gesteuert als in der regulären vertragsärztlichen Versorgung. Das zeigt eine neue wissenschaftliche Evaluation der in dieser Form in 13 Bundesländern geltenden Verträge der Techniker Krankenkasse (TK) mit den regionalen Hausarztverbänden. Laut dem Gesundheitsökonomen Professor Dr. Jonas Schreyögg, Direktor des Hamburg Center for Health Economics (HCHE), der die Auswirkungen der HzV anhand der TK-Verträge analysiert hat, führt diese weder zu der angestrebten Vermeidung von unnötigen Facharztkontakten noch zu weniger Krankenhausaufenthalten. Die Mehrkosten der von allen Kassen verpflichtend anzubietenden HzV beziffert Schreyögg bei der TK auf mehr als 160 Millionen Euro pro Jahr.
Ziel: gezieltere und effizientere Versorgung
Neben der normalen Regelversorgung können Versicherte sich für spezielle Hausarztverträge entscheiden. Die Verträge verpflichten die teilnehmenden Patientinnen und Patienten dazu, immer zuerst eine bestimmte Hausärztin oder einen bestimmten Hausarzt aufzusuchen. Sowohl die Hausarztverträge als auch das von der Bundesregierung geplante Primärversorgungssystem streben eine gezieltere und effizientere Steuerung der Patientinnen und Patienten an. Deshalb wird die HzV teilweise auch als Vorbild für das Primärversorgungssystem diskutiert.
Schreyögg: "HzV hat nur bedingte Steuerungswirkung"
Schreyögg: "Die HzV soll durch eine verbesserte Patientensteuerung die Versorgungsqualität der Teilnehmenden verbessern und dadurch Kosten einsparen. Die Studie zeigt, dass die HzV nur eine bedingte Steuerungswirkung aufweist. Unter anderem führt sie zu mehr Facharztkontakten und die Zahl der Krankenhausaufenthalte ist durch die HzV-Teilnahme nicht zurückgegangen. Im Ergebnis führt sie zu Mehrausgaben im Vergleich zur Regelversorgung. Grundsätzlich zeigt sich: Mehr Verbindlichkeit in der Steuerung führt zu besserer Versorgung. Entsprechend lassen sich für den Aufbau des geplanten Primärversorgungssystems aus der Evaluation wichtige Erkenntnisse ziehen, zum Beispiel muss auf eine stärkere Verbindlichkeit geachtet werden."
Ballast: Neues System muss Probleme wirksam adressieren
Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK, Thomas Ballast, unterstützt die Idee eines gezielteren Zugangs der Patientinnen und Patienten ins Gesundheitssystem: "Die Hausärzte sind das Rückgrat der medizinischen Versorgung in Deutschland. Gleichzeitig brauchen wir ein durchdachtes Primärversorgungssystem, das Hilfesuchende gezielt durch die Versorgung führt. Die Evaluation zeigt, dass die HzV in der jetzigen Form dafür keine geeignete Grundlage ist. Auch die gesetzliche Vorgabe, dass jede Kasse neben der Regelversorgung zusätzlich eine Hausarztzentrierte Versorgung anbieten muss, ist anhand der festgestellten Effekte nicht zu rechtfertigen. Deshalb sollten solche Angebote eine freiwillige Leistung der Kassen sein. Ein modernes System mit einer digitalen Ersteinschätzung und einer fallbezogenen Steuerung, in der Regel durch den Hausärztin oder den Hausarzt, schafft mehr Flexibilität und kann durch die HzV freiwillig ergänzt werden."
Keine bessere Versorgung: Keine reduzierten Krankenhausaufenthalte
Für die Studie wurde die Versorgungssituation von TK-Versicherten, die an der HzV teilnehmen, mit TK-Versicherten, die nicht daran teilnehmen, verglichen. Beide Gruppen sind statistisch so zusammengesetzt, dass sie mit Blick auf demografische und gesundheitliche Merkmale identisch und damit vergleichbar sind. Die statistische Analyse zeigt: Die Zahl der Praxisbesuche ist in der HzV-Gruppe sogar um 1,2 Facharztkontakte pro Teilnehmenden und Jahr leicht höher. Allein bei der TK führt die HzV demnach zu 1,5 Millionen zusätzlichen Facharztbesuchen jedes Jahr. Die Zahl der Hausarztkontakte bleibt nahezu unverändert (- 0,2 Hausarztkontakte pro Teilnehmenden und Jahr). Die enge Betreuung durch den HzV-Hausarzt oder die HzV-Hausärztin führt nicht dazu, dass Krankenhausaufenthalte vermieden werden. So zeigt die Datenauswertung der TK-Versicherten, dass die Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus aufgenommen zu werden, mit der HzV-Teilnahme nahezu unverändert bleibt.
Keine verbesserte Arzneimittelversorgung, keine kürzeren Krankschreibungen
Des Weiteren hat die Evaluation die Qualität der Arzneimittelverordnungen untersucht. Dabei war keine wesentliche Verbesserung zur Regelversorgung festzustellen. Bei den HzV-Teilnehmenden der TK ist die Zahl der Krankengeldtage fünf Millionen Tage im Jahr höher als bei der Vergleichsgruppe in der Regelversorgung: Die Teilnehmenden beziehen im Jahresdurchschnitt vier Tage länger Krankengeld als vergleichbare Versicherte ohne HzV.
Lediglich in Teilgruppen leicht positive Tendenzen in der Versorgung
Auch chronisch kranke HzV-Teilnehmende profitieren nicht unbedingt von der festen Betreuung durch ihren HzV-Hausarzt oder ihre HzV-Hausärztin. So verändert sich die Zahl der Facharztkontakte von HzV-Teilnehmenden mit Herzinsuffizienz nicht, bei COPD-Patientinnen und -Patienten kommt es sogar zu mehr Facharztkontakten und Krankenhausaufenthalten. Lediglich in einigen Teilgruppen, wie bei HzV-Teilnehmenden mit Diabetes, sind leicht positive Tendenzen in der Versorgung zu sehen. Ballast: "Dort, wo es für alle Beteiligten Sinn ergibt, müssen auch in einem reformierten System HzV-Modelle möglich sein, aber auf freiwilliger Basis. Zwei nebeneinander existierende Pflichtsysteme - Primärversorgung und hausarztzentrierte Versorgung - bringen keinen Mehrwert und schaffen neue Ineffizienzen."
HzV bringt Mehrkosten von 160 Millionen Euro jährlich für TK
Die Studie zeigt außerdem, dass die HzV zu hohen Mehrkosten in allen Leistungsbereichen in Höhe von 122 Euro pro Teilnehmenden und Jahr führt: Für alle Teilnehmenden addieren sich bei der TK die Mehrkosten auf insgesamt 160 Millionen Euro im Vergleich zu Nicht-HzV-Versicherten. Einen Mehrwert in Form einer besseren Versorgungssteuerung konnte die Studie nicht nachweisen. Bezogen auf die aktuell rund elf Millionen HzV Teilnehmenden in Deutschland ergeben sich daraus hochgerechnet Mehrkosten von etwa 1,3 Milliarden Euro im Jahr. Der TK-Vorstand Ballast fordert: "Die zusätzlichen Ausgaben für die HzV-Honorare sollten wir in Zukunft allen Hausärztinnen und Hausärzten in Deutschland zugutekommen lassen und nicht nur den 20 Prozent, die neben ihrer Zulassung als Vertragsärztin oder Vertragsarzt an einem HzV-Vertrag teilnehmen."
TK fordert Ersteinschätzung und flexiblere Koordination nach Krankheitsbild
"Für eine bessere ambulante Versorgung brauchen wir neue Ideen und grundlegende Reformen, statt an dem ineffizienten HzV-System festzuhalten", so Ballast. Die TK fordert ein einheitliches Primärversorgungssystem mit einer verbindlichen digitalen Ersteinschätzung als erste Anlaufstelle für Hilfesuchende. Diese soll sie auf Basis ihrer Symptome direkt in die passende Versorgung leiten - je nach Bedarf ein zeitnaher Haus- oder Facharzttermin, eine Videosprechstunde oder auch erstmal Bettruhe. Wo die Versorgung erfolgt, sollte Ballast zufolge immer flexibel nach dem jeweiligen Krankheitsbild festgelegt werden: "Ziel muss sein, dass Patientinnen und Patienten direkt zu der ärztlichen Fachrichtung kommen, die für die jeweilig notwendige Behandlung am besten geeignet ist, und diese alle weiteren Schritte koordiniert. Das wird in vielen Fällen vermutlich eine Hausarztpraxis sein, der direkte Zugang zur Facharztpraxis muss bei Bedarf aber auch möglich sein." Diese Flexibilität ermögliche Patientinnen und Patienten direktere Wege durch die Versorgung, erhöht die Versorgungsqualität und verhindert Engpässe bei Hausarztpraxen.
Größte länderübergreifende HzV-Evaluation zeigt: Teilnehmende eines Hausarztprogramms werden nicht besser durch das Gesundheitssystem geführt
Schreyögg: "HzV hat nur bedingte Steuerungswirkung"
TK fordert Ersteinschätzung und flexiblere Behandlungskoordination nach Krankheitsbild
In der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) werden die Patientinnen und Patienten weder besser noch preiswerter durch das Gesundheitssystem gesteuert als in der regulären vertragsärztlichen Versorgung. Das zeigt eine neue wissenschaftliche Evaluation der in dieser Form in 13 Bundesländern geltenden Verträge der Techniker Krankenkasse (TK) mit den regionalen Hausarztverbänden. Laut dem Gesundheitsökonomen Professor Dr. Jonas Schreyögg, Direktor des Hamburg Center for Health Economics (HCHE), der die Auswirkungen der HzV anhand der TK-Verträge analysiert hat, führt diese weder zu der angestrebten Vermeidung von unnötigen Facharztkontakten noch zu weniger Krankenhausaufenthalten. Die Mehrkosten der von allen Kassen verpflichtend anzubietenden HzV beziffert Schreyögg bei der TK auf mehr als 160 Millionen Euro pro Jahr.
Ziel: gezieltere und effizientere Versorgung
Neben der normalen Regelversorgung können Versicherte sich für spezielle Hausarztverträge entscheiden. Die Verträge verpflichten die teilnehmenden Patientinnen und Patienten dazu, immer zuerst eine bestimmte Hausärztin oder einen bestimmten Hausarzt aufzusuchen. Sowohl die Hausarztverträge als auch das von der Bundesregierung geplante Primärversorgungssystem streben eine gezieltere und effizientere Steuerung der Patientinnen und Patienten an. Deshalb wird die HzV teilweise auch als Vorbild für das Primärversorgungssystem diskutiert.
Schreyögg: "HzV hat nur bedingte Steuerungswirkung"
Schreyögg: "Die HzV soll durch eine verbesserte Patientensteuerung die Versorgungsqualität der Teilnehmenden verbessern und dadurch Kosten einsparen. Die Studie zeigt, dass die HzV nur eine bedingte Steuerungswirkung aufweist. Unter anderem führt sie zu mehr Facharztkontakten und die Zahl der Krankenhausaufenthalte ist durch die HzV-Teilnahme nicht zurückgegangen. Im Ergebnis führt sie zu Mehrausgaben im Vergleich zur Regelversorgung. Grundsätzlich zeigt sich: Mehr Verbindlichkeit in der Steuerung führt zu besserer Versorgung. Entsprechend lassen sich für den Aufbau des geplanten Primärversorgungssystems aus der Evaluation wichtige Erkenntnisse ziehen, zum Beispiel muss auf eine stärkere Verbindlichkeit geachtet werden."
Ballast: Neues System muss Probleme wirksam adressieren
Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK, Thomas Ballast, unterstützt die Idee eines gezielteren Zugangs der Patientinnen und Patienten ins Gesundheitssystem: "Die Hausärzte sind das Rückgrat der medizinischen Versorgung in Deutschland. Gleichzeitig brauchen wir ein durchdachtes Primärversorgungssystem, das Hilfesuchende gezielt durch die Versorgung führt. Die Evaluation zeigt, dass die HzV in der jetzigen Form dafür keine geeignete Grundlage ist. Auch die gesetzliche Vorgabe, dass jede Kasse neben der Regelversorgung zusätzlich eine Hausarztzentrierte Versorgung anbieten muss, ist anhand der festgestellten Effekte nicht zu rechtfertigen. Deshalb sollten solche Angebote eine freiwillige Leistung der Kassen sein. Ein modernes System mit einer digitalen Ersteinschätzung und einer fallbezogenen Steuerung, in der Regel durch den Hausärztin oder den Hausarzt, schafft mehr Flexibilität und kann durch die HzV freiwillig ergänzt werden."
Keine bessere Versorgung: Keine reduzierten Krankenhausaufenthalte
Für die Studie wurde die Versorgungssituation von TK-Versicherten, die an der HzV teilnehmen, mit TK-Versicherten, die nicht daran teilnehmen, verglichen. Beide Gruppen sind statistisch so zusammengesetzt, dass sie mit Blick auf demografische und gesundheitliche Merkmale identisch und damit vergleichbar sind. Die statistische Analyse zeigt: Die Zahl der Praxisbesuche ist in der HzV-Gruppe sogar um 1,2 Facharztkontakte pro Teilnehmenden und Jahr leicht höher. Allein bei der TK führt die HzV demnach zu 1,5 Millionen zusätzlichen Facharztbesuchen jedes Jahr. Die Zahl der Hausarztkontakte bleibt nahezu unverändert (- 0,2 Hausarztkontakte pro Teilnehmenden und Jahr). Die enge Betreuung durch den HzV-Hausarzt oder die HzV-Hausärztin führt nicht dazu, dass Krankenhausaufenthalte vermieden werden. So zeigt die Datenauswertung der TK-Versicherten, dass die Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus aufgenommen zu werden, mit der HzV-Teilnahme nahezu unverändert bleibt.
Keine verbesserte Arzneimittelversorgung, keine kürzeren Krankschreibungen
Des Weiteren hat die Evaluation die Qualität der Arzneimittelverordnungen untersucht. Dabei war keine wesentliche Verbesserung zur Regelversorgung festzustellen. Bei den HzV-Teilnehmenden der TK ist die Zahl der Krankengeldtage fünf Millionen Tage im Jahr höher als bei der Vergleichsgruppe in der Regelversorgung: Die Teilnehmenden beziehen im Jahresdurchschnitt vier Tage länger Krankengeld als vergleichbare Versicherte ohne HzV.
Lediglich in Teilgruppen leicht positive Tendenzen in der Versorgung
Auch chronisch kranke HzV-Teilnehmende profitieren nicht unbedingt von der festen Betreuung durch ihren HzV-Hausarzt oder ihre HzV-Hausärztin. So verändert sich die Zahl der Facharztkontakte von HzV-Teilnehmenden mit Herzinsuffizienz nicht, bei COPD-Patientinnen und -Patienten kommt es sogar zu mehr Facharztkontakten und Krankenhausaufenthalten. Lediglich in einigen Teilgruppen, wie bei HzV-Teilnehmenden mit Diabetes, sind leicht positive Tendenzen in der Versorgung zu sehen. Ballast: "Dort, wo es für alle Beteiligten Sinn ergibt, müssen auch in einem reformierten System HzV-Modelle möglich sein, aber auf freiwilliger Basis. Zwei nebeneinander existierende Pflichtsysteme - Primärversorgung und hausarztzentrierte Versorgung - bringen keinen Mehrwert und schaffen neue Ineffizienzen."
HzV bringt Mehrkosten von 160 Millionen Euro jährlich für TK
Die Studie zeigt außerdem, dass die HzV zu hohen Mehrkosten in allen Leistungsbereichen in Höhe von 122 Euro pro Teilnehmenden und Jahr führt: Für alle Teilnehmenden addieren sich bei der TK die Mehrkosten auf insgesamt 160 Millionen Euro im Vergleich zu Nicht-HzV-Versicherten. Einen Mehrwert in Form einer besseren Versorgungssteuerung konnte die Studie nicht nachweisen. Bezogen auf die aktuell rund elf Millionen HzV Teilnehmenden in Deutschland ergeben sich daraus hochgerechnet Mehrkosten von etwa 1,3 Milliarden Euro im Jahr. Der TK-Vorstand Ballast fordert: "Die zusätzlichen Ausgaben für die HzV-Honorare sollten wir in Zukunft allen Hausärztinnen und Hausärzten in Deutschland zugutekommen lassen und nicht nur den 20 Prozent, die neben ihrer Zulassung als Vertragsärztin oder Vertragsarzt an einem HzV-Vertrag teilnehmen."
TK fordert Ersteinschätzung und flexiblere Koordination nach Krankheitsbild
"Für eine bessere ambulante Versorgung brauchen wir neue Ideen und grundlegende Reformen, statt an dem ineffizienten HzV-System festzuhalten", so Ballast. Die TK fordert ein einheitliches Primärversorgungssystem mit einer verbindlichen digitalen Ersteinschätzung als erste Anlaufstelle für Hilfesuchende. Diese soll sie auf Basis ihrer Symptome direkt in die passende Versorgung leiten - je nach Bedarf ein zeitnaher Haus- oder Facharzttermin, eine Videosprechstunde oder auch erstmal Bettruhe. Wo die Versorgung erfolgt, sollte Ballast zufolge immer flexibel nach dem jeweiligen Krankheitsbild festgelegt werden: "Ziel muss sein, dass Patientinnen und Patienten direkt zu der ärztlichen Fachrichtung kommen, die für die jeweilig notwendige Behandlung am besten geeignet ist, und diese alle weiteren Schritte koordiniert. Das wird in vielen Fällen vermutlich eine Hausarztpraxis sein, der direkte Zugang zur Facharztpraxis muss bei Bedarf aber auch möglich sein." Diese Flexibilität ermögliche Patientinnen und Patienten direktere Wege durch die Versorgung, erhöht die Versorgungsqualität und verhindert Engpässe bei Hausarztpraxen.
Pressekontakt:
Anne Kraemer
anne.kraemer@tk.de
040 - 69 09-53 45
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