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Donnerstag, 23.11.2017

Mitteilung

Techniker Krankenkasse|07.11.2017

PRESSEMITTEILUNG

Einflussnahme der Krankenkassen auf Ärzte geht weiter

Hamburg·Die Krankenkassen nehmen weiterhin Einfluss auf die Kodierung der Diagnosen ihrer Versicherten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK). Dabei gaben 82 Prozent der befragten Mediziner an, schon einmal von einer Krankenkasse hinsichtlich der Diagnosen ihrer Versicherten beeinflusst worden zu sein. Auf Basis dieser Diagnosen erhalten die Krankenkassen Gelder aus dem Gesundheitsfonds.

"Durch dieses System wird es für Krankenkassen lukrativ, darauf Einfluss zu nehmen, dass ihre Versicherten bestimmte Diagnosen zugeschrieben bekommen. Für die Beratung der Ärzte zu dieser Kodierung geben sie Geld aus, das stattdessen in die Versorgung der Versicherten fließen sollte", so Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. "Der Wettbewerb der Krankenkassen sollte über gute Leistungen und guten Service funktionieren und nicht über das Beeinflussen von Arztdiagnosen."

Neues Gesetz bekämpft nur Symptome und geht nicht weit genug

Der Gesetzgeber reagierte auf die Einflussnahme der Kassen und hat sie im April 2017 verboten. Die Studie zeigt jedoch, dass das entsprechende Gesetz bislang keine ausreichende Wirkung entfaltet: Schon in den ersten zwei Quartalen nach Inkrafttreten sind bereits wieder 18,2 Prozent der nun befragten Ärzte von Krankenkassen zu ihrer Diagnosestellung beraten worden. Hochgerechnet ergibt das allein für diesen Zeitraum etwa 11.000 niedergelassene Ärzte deutschlandweit.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine systematische Einflussnahme auf die ärztlichen Kodierungen durch die Krankenkassen nach wie vor stattfindet und das Gesetz hier zu kurz greift. "Die derzeitigen Regelungen bekämpfen nur die Symptome. Der Versuch, die Einflussnahme zu unterbinden und das System manipulationssicherer zu gestalten, geht noch nicht weit genug", so TK-Chef Baas.

Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats verstärken Fehlanreize

Ein Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesversicherungsamts kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass es Manipulationen gibt. "Das Gutachten bietet aber keine Vorschläge an, um die Manipulationen zu unterbinden. Im Gegenteil: Nach den Empfehlungen des Beirats würden die bestehenden Anreize sogar noch weiter verstärkt", so Baas.

Der Beirat unter dem Vorsitz von Professor Dr. Jürgen Wasem empfiehlt ein sogenanntes Vollmodell. Das heißt: Bislang sind es 80 Krankheiten, für die die Krankenkassen einen besonderen Zuschuss erhalten und die daher auch für die Diagnosebeeinflussung besonders interessant sind. Das Vollmodell soll stattdessen alle Krankheiten berücksichtigen und finanziell ausgleichen. Was der Politik und der Öffentlichkeit als "Zielgenauigkeit" verkauft wird, öffnet letztlich Tür und Tor für weitere, sogar noch stärkere Einflussnahmen. Die Kassen hätten bei jeder Erkrankung Interesse daran, auf die Kodierung der Diagnosen Einfluss zu nehmen. Das System wäre somit sehr viel anfälliger für Manipulationen als heute. Baas: "Ein Vollmodell würde die Manipulationsanfälligkeit des Morbi-RSA-Systems weiter erhöhen. Damit würden wir den Weg in die völlig falsche Richtung weitergehen - mit katastrophalen Folgen für das gesamte GKV-System."

Hintergrund

Für die Analyse wurden 1.000 Allgemeinmediziner im Zeitraum von 31.8. bis 20.10.2017 befragt, die an der Versorgung von GKV-Patienten teilnehmen. Die Befragung erfolgte anonym und onlinebasiert. Sie wurde durch das Dienstleistungsunternehmen DocCheck Medical Services GmbH durchgeführt.

Das Gutachten (PDF, 1,3 MB) steht unter www.presse.tk.de zum Download (Webcode 964412) zur Verfügung.

Pressekontakt:

Michaela Hombrecher
Telefon: 040 - 69 09-22 23
michaela.hombrecher@tk.de


 

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