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Mittwoch, 16.08.2017

Mitteilung

Siemens-Betriebskrankenkasse|03.08.2017

PRESSEMITTEILUNG

GKV Know-how Teil 4: Big Data und Digitalisierung in der GKV - Was passiert mit unseren Gesundheitsdaten?

München·"Big Data" ist das Buzz Word der Stunde. Dabei ist Big Data mehr als nur ein bloßes Schlagwort und im Gesundheitswesen relevant für jeden einzelnen. Schon jetzt stehen aufgrund der digitalen Erfassung und Speicherung von Patienten- sowie Behandlungsdaten gewaltige Datenvolumina zur Verfügung. Bis zum Jahr 2020 wird ein jährlich generiertes digitales Datenvolumen von 40 Zettabytes (40 x 1021 Bytes) weltweit prognostiziert. Gleichzeitig beschränkt sich die Nutzung der existierenden Daten in Deutschland bislang nur auf Teilgebiete.(1) Politik, Krankenkassen, Forschung und Wirtschaft arbeiten seit langem mehr oder weniger intensiv daran, das zu ändern - allerdings ist die Umsetzung von Digitalisierungsvorhaben in Deutschland ein steiniger Weg und es liegt noch einiges an Strecke vor den Beteiligten. Kein Wunder also, dass das Thema "Digitalisierung im Gesundheitswesen" in keinem Wahlprogramm fehlt. Dabei setzen sich die Parteien mit grundlegenden und weitreichenden Fragestellungen auseinander: Wie und für welche Zwecke sollen die Daten genutzt werden? Wer hat die Hoheit über die persönlichen Daten? Wie können sie vor unbefugtem Zugriff oder missbräuchlicher Verwendung geschützt werden? Für Versicherte und Patienten ist vor allem ein Aspekt der Big Data-Diskussion von Interesse: Welche Auswirkungen hätte die umfassende Datennutzung auf ihre Versorgungswirklichkeit und wie könnten sie davon profitieren?

Deutlichere Nutzenkommunikation erforderlich

Geht es um die Bereitschaft der Deutschen ihre Gesundheitsdaten mit Krankenkassen, Leistungserbringern und der Forschung zu teilen, wird ein Spannungsfeld deutlich. Je nach betrachteter Studie sind sie eher positiv oder negativ eingestellt. Das Problem: Werden die Vorteile einer Datennutzung im Vorfeld der Befragung umfassend kommuniziert, antworten die Studienteilnehmer eher mit Zustimmung, bei eher offenen Fragestellungen eher mit Ablehnung. Das heißt: Um die Datennutzung im Gesundheitswesen voranzutreiben und die noch herrschenden Vorbehalte zu überwinden, muss eine transparente und klare Kommunikation erfolgen. Allen Versicherten und Patienten muss stärker verdeutlicht werden, wie sie von der Datennutzung im Kleinen und im Großen profitieren. Nur dann kann Big Data im Gesundheitssektor zum Erfolg führen.

Wie profitieren der Einzelne und die Gesellschaft von Big Data?

Ein Feld, in dem "Big Data" enorme Fortschritte bringen kann, ist die Forschung: Die Arbeit mit dem existierenden und täglich anwachsenden Datenschatz würde es Wissenschaftlern ermöglichen, neue Hypothesen zu Krankheitsentstehung und -verläufen aufzustellen, personalisierte Therapien für Patienten zu entwickeln und ihnen Hinweise auf neue Therapieansätze liefern. Davon würde jeder einzelne profitieren.

Auch in der Behandlung liegen die Vorteile auf der Hand: Diagnosen, Verordnungen und Informationen, auf die aktuell nicht alle Leistungserbringer zugreifen können, bergen das Risiko von Fehldiagnosen und falsch gewählten Behandlungsformen. Eine Zusammenführung aller Daten ermöglicht den Behandlern hingegen einen vollständigen Überblick, der bei Diagnose und Behandlungsentscheidung sinnvoll unterstützt.

Und nicht zuletzt würden die Versicherten in der Beratung durch die Krankenkassen profitieren. (Mehr zu den Beratungsrechten der Krankenkassen erfahren Sie in unserem nächsten gesundheitspolitischen Themendienst zur Bundestagswahl.)

Rahmenbedingungen verhindern wertschöpfende Umsetzung

Um die Digitalisierung des Gesundheitswesens voranzutreiben und alle Möglichkeiten im Sinne des Versicherten und Patienten auszuschöpfen, ist die Schaffung elementarer Rahmenbedingungen vonnöten, die die Infrastruktur genauso betreffen, wie den Datenschutz und weitere rechtliche Vorgaben. Um Vorbehalte aus dem Weg zu räumen und Gesundheitsdaten zum Wohle aller Versicherten und Patienten nutzen zu können, gibt es einige Baustellen, die noch bearbeitet werden müssen:

Eine grundlegende Herausforderung ergibt sich aus der Tatsache, dass die existierenden Daten bei niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen noch sehr "verstreut" gelagert werden. Hier gilt es zügig eine einsatzfähige Infrastruktur zu schaffen, über die diese Daten zusammengeführt werden können und die die Daten vor dem Zugriff Unbefugter schützt. Denn auch wenn schon seit geraumer Zeit an der so genannten Telematikinfrastruktur gearbeitet wird: Feste Vorgaben für die Umsetzung sind in vielen Bereichen noch nicht vereinbart worden. Zwar hat das Bundesforschungsministerium angekündigt, dass für die nächste Legislaturperiode ein Vorschlag für eine "unbestechliche Instanz" zu erwarten sei, die über den Zugriff auf die Gesundheitsdaten wachen soll - doch bislang fehlt auch hierfür ein überzeugendes Konzept. Die Probleme der fehlenden Vorgaben zeigen sich bereits: Inzwischen arbeiten mehrere Anbieter an Lösungen für die Gesundheitsakte, bei denen jedoch nicht sichergestellt ist, dass sie miteinander kompatibel sind. Leidtragende sind die Versicherten. Sie müssen sich durch ein Wirrwarr der Systeme kämpfen, gegebenenfalls wechseln oder mit unterschiedlichen Leistungserbringern auf unterschiedlichen Wegen zusammenarbeiten.

Die SBK plädiert daher in diesem Zusammenhang für eine Lösung zur Speicherung aller gesundheitsrelevanten Daten, die Interoperabilität gewährleistet. Das System, in dem die Daten zusammengeführt werden, muss mit anderen gegenwärtigen oder zukünftigen Systemen ohne Einschränkungen interagieren können.

Zudem setzt sich die SBK für eine verpflichtende Datenverfügung ein, damit Versicherte zu jedem Zeitpunkt Herr ihrer Daten sind. Im Rahmen dieser Datenverfügung hat jeder Versicherte jederzeit unkompliziert die Möglichkeit, selektive, auch temporäre Zugriffsrechte zu vergeben oder diese wieder zu entziehen. Es gibt nur wenige Bereiche, in denen Daten verpflichtend freigegeben werden müssen, alles andere muss in der Autonomie der Versicherten liegen. Das soll für Kontakt- und Versicherungsangaben genauso gelten wie für Informationen über Medikation, Diagnosen, Arztbesuche oder die Rückmeldungen zu Hilfsmitteln. Der Versicherte muss spontan individuelle Zugriffsrechte an Ärzte oder Apotheker geben können, wenn diese im akuten Fall Zugriff auf die Daten benötigen. Hausarzt, Krankenkassen oder auch die Apotheke des Vertrauens könnten einen dauerhaften Zugriff bekommen. Fachärzte, die während einer zeitlich begrenzten Erkrankung Einsicht brauchen, einen temporären Zugriff. Um dem Versicherten die entsprechende Flexibilität und Spontanität bieten zu können, müssen bei der Ausgestaltung der Datenverfügung die einfache Handhabung und Praxistauglichkeit im Mittelpunkt stehen - hoher Bürokratieaufwand und komplexe, rechtliche Vorschriften würden eine sinnvolle Umsetzung verhindern.

Damit die Gesundheitsdaten, die Versicherte freigeben, auch für die jeweils befugten Leistungserbringer und -träger sinnvoll zusammengeführt werden können, ist die Schaffung einheitlicher Rahmenbedingungen wichtig. Noch gelten für alle Gesundheits-Sektoren unterschiedliche Datenregelungen und Befugnisse. Krankenkassen etwa ist die versichertenbezogene Zusammenführung und Nutzung der zur Verfügung stehenden Daten - bis auf einige Ausnahmen - aktuell grundsätzlich untersagt. Zudem liegen die Daten, auf die Krankenkassen zugreifen dürfen, diesen oft sehr spät vor. Ein Beispiel: Ambulante Diagnosen kommen erst mit eklatantem Zeitverzug bei der Krankenkasse an, da diese an die Abrechnung der Leistungserbringer gekoppelt sind. Wünschenswert sind hier die Bündelung von Daten und die Beschleunigung von Datenflüssen, so dass alle Gesundheits-Sektoren im Idealfall Zugriff auf tagesgenaue und sektorenunabhängige Informationen zu allen Angaben haben.

Auch über die Bundesgrenzen hinaus gibt es noch Diskrepanzen. Die EU dreht, was Zugriffsrechte betrifft, im Bereich Datennutzung schneller als die deutsche Gesetzgebung. Mit der im kommenden Jahr in Kraft tretenden EU-Datenschutzgrundverordnung wird der Datenschutz moderner. Die Entscheidungshoheit des Einzelnen über seine Daten wird in den Mittelpunkt gestellt. Versuche, diese neuen Regelungen auch in die deutsche Gesetzgebung einzubinden, sind bislang leider gescheitert. Somit stehen Krankenkassen bald vor folgendem Dilemma: Im Prinzip haben sie gemeinsam mit ihren Versicherten größere Datennutzungsrechte. Es besteht jedoch die Gefahr, dass sie bei deren Wahrnehmung in Deutschland verklagt werden. Um die Grauzone, die der Widerspruch zwischen EU-Recht und deutschem Recht schafft, zu beseitigen, wird es eine wichtige Aufgabe der neuen Bundesregierung sein, den Leitgedanken des dann geltenden EU-Rechts mit dem deutschen Sozialrecht in Einklang zu bringen.

(1) imw.fraunhofer.de/.../Studie_Big Data im Krankenversicherungsmarkt.pdf

Pressekontakt:

Susanne Gläser
Tel. +49 (89) 62700-765
Fax: +49 (89) 62700-60765
Email: susanne.glaeser@sbk.org


 

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